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Die Bücherstadt
im Spiegel  von:

10.12.2004

Drei Epochen Weltgeschichte in 45 Minuten

Der am 9. Dezember im Fernsehen gezeigte Film über die Geschichte Wünsdorfs hatte einen Tag zuvor schon vor einem kritischen Publikum Premiere

ANDREAS STAINDL


Die Geschichte Wünsdorfs aufzuarbeiten, ist wie ein Tanz auf der Rasierklinge. Ein solcher Versuch muss polarisieren. Gabriele Denecke wagte ihn. Gestern lief ihr Film im RBB-Fernsehen. In "Geheim-nisvolle Orte" wurde diesmal Wünsdorf beleuchtet. "Eine Kommandozentrale der Geschichte", nannte Denecke ihr Werk. 45 Minuten standen der Autorin und Regisseurin für drei Epochen der Weltge-schichte zur Verfügung. Zehn Tage recherchierte sie vor Ort. Das Ergebnis flimmerte schon am Mittwoch im vollbesetzten Fachwerk im Gutenberghaus der Bücherstadt über die Leinwand.

Im Zeitraffer: Von Wünsdorf aus wurden weltweit große Schlachten geführt. 1872 begann die Ge-schichte der militärischen Nutzung. In Kummersdorf entstand der größte Schieß- und Versuchsplatz Preußens. Kaiser Wilhelm II. 1910 war der Truppenübungsplatz fertig. 1914 zog die Schießschule Wünsdorf in den Krieg. Getestet wurde in Kummersdorf, das Gelände wird bis heute für Versuche genutzt. In Wünsdorf entstand die erste Moschee Deutschlands für gefangene Mosems. In kaiser-lichen Bauten turnten Militärs und stählten sich für den Kampf. Anfang der 20er Jahre des vorigen Jahrhunderts wurde die Zusammenarbeit mit den Sowjets intensiviert, etwa durch gemeinsame Manöver. Denecke zeigt, wie in Wünsdorf Panzeratrappen mit der Hand geschoben werden, in Russland die echten rollen. 1933 endete das Verwirrspiel. In Wünsdorf liefen die Vorbereitungen für den Zweiten Weltkrieg. Der junge von Braun testete in Kummersdorf Raketen. 1937 gingen die Forscher um Wernher von Braun nach Peenemünde. In Wünsdorf entstanden die Zeppelin-Bunker (eine Nachrichtentechnik-Anlage) und die Maybach-Bunker. Hier befand sich das Hauptquartier des Oberkommandos des Heeres. Von hier aus wurde auch der Zweite Weltkrieg verkündet. Alle Front-abschnitte wurden aus dem Nachrichtenbunker heraus geführt. Der Film verweist auf das hartnäckige Gerücht, dass der Erste Weltkrieg wegen schlechter Nachrichtensysteme und der Zweite Weltkrieg wegen zu guter Kommunikationstechnik verloren gingen. Von fehlender Konsequenz beim Bau von Atomwaffen ist die Rede und von einer Wunderwaffe, auf die Hitler setzte. Am 20. April 1945, dem Geburtstag des Führers, wurde Wünsdorf zur Geisterstadt. Einen Tag später waren die Russen da. Sie durchstöberten die Bunkerzentrale und machten sich auf nach Berlin, ihrem eigentlichen Ziel. Anfang der 50er Jahre wurde das Oberkommando der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland in Wünsdorf stationiert. Die einst kaiserliche Trunhalle wurde zum Haus der Offiziere, die Garnison Wünsdorf zur Enklave, auch "Klein Moskau" genannt. Vom "Weißen Haus" aus regierte die Sowjet-armee die DDR. Wünsdorf war die Schaltstelle zwischen Berlin und Moskau. 9000 Soldaten waren hier stationiert, inklusive Zivilisten bis zur 30 000 im Umfeld. Am 9. November 1989 dann wurde die Alarmstufe I ausgerufen. Der Tag der Maueröffnung versetzte die Militärs in Wünsdorf in helle Auf-regung. Vier Jahre hatten sie danach Zeit, ihre 500 000 Soldaten aus der DDR abzuziehen. Im Sommer `94 war die Militärzeit in Wünsdorf endgültig beendet. Love, Peace und Rock `n` Roll bestimmten jetzt das Bild. So zu mindest verstanden Besucher der Filmpremiere das Ende.

"Der Schluss lief ins Leere, die Rocker sind deplaziert. Kein Satz zur finanziellen Unterstützung Deutschlands für die abziehenden Sowjets. Kein Hinweis zur Bücherstadt. Stattdessen vermittelt der Schluss den Eindruck, Wünsdorf sei heute eine Kifferstadt", kritisierten sie. Zu einem Besuch in Wünsdorf rege der Film schon gar nicht an. Vielmehr verbreite er wegen der Biker am Schluss Angst. "Mir fehlt der Optimismus am Ende. Wenn meine Freunde den Film sehen, sagen die bestimmt: Zieh` dort weg", befürchtet ein Zuschauer. Einem Kölner Ehepaar fehlen Hinweise auf Bunkerführungen. Die filmische Aussage, dass die Sowjets als Eroberer kamen und als Besiegte gingen, erzürnte die Gemüter. "Das ist historisch falsch", brachte es ein Mann auf den Punkt. Der Versuch der Aufar-beitung verdiene immerhin Anerkennung.

"Ich habe mich bei den Dreharbeiten hier sehr wohl gefühlt, wollte mit dem Film niemand beleidigen. Und sauer auf die Wünsdorfer wegen der Kritik bin ich schon gar nicht", versicherte Gabriele Denecke nach der Premiere.


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