Erinnern war nicht vorgesehen. Nach dem Abzug der Roten Armee im September 1994 kam aus Bonn das Kommando: Bunker fluten, Eingänge zubetonieren. "Der Plan wurde nun ad acta gelegt", erzählt Werner Borchert, Geschäftsführer der Bücherstadt - Tourismus GmbH Wünsdorf ( Teltow - Fläming ), " weil Leute aus dem Dorf sagten: Die Russen hatten dort unten Akku-Ladestationen. Da kann noch Säure sein, die dann ins Grundwasser gelangt ". Dank dieser Intervention der Bevölkerung blieb der zwischen 1937 und 1939 in den märkischen Kiefernwald gestampfte Fernmeldebunker erhalten. Sein Name: " Zeppelin ", ein Zeuge aus Deutschlands dunkelster Zeit.
Werner Borchert öffnet das Gitter am Nordeingang. "Diese Tür ist ein Geschenk", erklärt er, als wolle er ihren Heimwerker-Charme entschuldigen. " Eigentlich hat der Schlosser sie für ein Bordell gebaut. Doch weil das pleite ging, konnten wir sie bekommen. " Die Be-sucher schmunzeln. "Lachen Sie nicht", gibt Borchert zu bedenken. "Wir machen hier ernsthafte Arbeit. Aber so klein sind unsere Verhältnisse nun mal. Wir brau-chen jede Hilfe."
Ganz im
Gegensatz zur Bedürftigkeit ist die Aufgabe, die sich
Borchert und seine Crew gestellt haben, eine wahre
Herkules-Arbeit. Nach dem kläglichen Ende der Landesentwicklungsgesellschaft
(LEG) fingen sie An-fang 2003 noch einmal neu an: Zu viert und
ohne öffent-liche Förderung. Dafür mit dem klaren
Bekenntnis zur Militärgeschichte der Region. Seither weht frischer
Wind durch die Bücherstadt, gibt es jede Menge Pläne. Sogar von
"Deutschlands erstem Lesehotel" träumt der Geschäftsführer
schon.
Schuften
für die Erinnerung
"Bunkersubbotnik in Wünsdorf" MARTIN STEFKE
" Mit Herbergscharakter ", wie er sagt, " und einer ganzen Etage, in der wir zusammen mit Verlagen das Buch als multimediales Objekt präsentieren."
Eine Vision, deren Verwirklichung noch Jahre dauern kann. Allein mit Eigenleistung und Engagement wird dieses Vorhaben kaum gelingen. Wünsdorf, weiß Borchert, sei durch die LEG-Pleite so stigmatisiert, dass es derzeit aussichtslos ist, öffentliche Gelder zu akquirieren. So arbeiten die Wünsdorfer vorerst aus eigener Kraft. Mit beachtlichem Erfolg. 35 000 Men-schen haben die Stadt 2004 besucht. Fast zwei Drittel ließen Geld da für Bunkerführung und Eintritt in die Museen. Das sind nicht nur zehn Prozent mehr als im Jahr zuvor. Es gab sogar einen kleinen Gewinn.
Der Bunker ist wie geschaffen zur Erinnerung, zum Verstehen von Geschichte. Auch weil die sowjetischen Sieger ihn seit Anfang der 60er Jahre als Telefonzentra-le und Führungsbunker ihres Oberkommandierenden nutzten. Angriffspläne und Widerstand, Kapitulation und Kalter Krieg - welch außergewöhnliches Museum hätte hier entstehen können, eines das den Zweiten Weltkrieg wie auch die Zeit der sowjetischen Besatz-ung dokumentiert. Doch erschreckend konzeptionslos ging man nach dem Abzug der Sowjets ans Werk. Die Politik beschwor die blühende Zukunft der Region. Geld spielte scheinbar keine Rolle. Jetzt gibt es Ideen, aber kein Geld. Borchert setzt vorerst auf Ehrenamt. Ihm bleibt keine andere Wahl. So ruft er dieses Wochen-ende zum " Subbotnik " in die Bunker. " Am Tag wird gearbeitet ", scherzt er, "da gilt die Leninsche Norm', abends gibt es Soldatensuppe' und ein Bier als Danke-schön."

