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23.04.2005

Die Bücherstadt
im Spiegel  von:

"Ja,  so  war  das  damals",  murmelte  Erich Münchow und zog gleichsam einen  Schlussstrich  unter  das  Kapitel  als  Nachrichtensoldat.    Der  82-Jährige  war  in  dieser  Woche  noch  einmal  in  die   Bunkeranlagen  der
Wünsdorfer Waldstadt gestiegen - mehr als sechs Jahrzehnte nach seiner Dienstzeit im Bunker Zeppelin. Der Perleberger hatte in der Zeitung einen Artikel über eine Bunker-Tour in der Waldstadt gelesen und darüber, dass ein  Teil  der  alten  Nachrichtentechnik  wieder  besorgt  werden  soll. "Da wurde  ich  neugierig,  da  musste  ich nach all den  Jahren wieder zurück", bekannte er.

Ruhig und sichtlich aufgeräumt  kletterte er aus seinem  Wagen und wurde von HansAlbert Hoffmann vom  Förderverein Garnison-Museum sowie von Werner Borchert,  dem  Chef  der  Bücherstadt  GmbH  begrüßt.  Und  von einem  Fernsehteam,  das  den  rüstigen  Rentner  bei seinem Gang in die Unterwelt begleitete.

"Er war kaum aufgeregt",  verriet die mitfahrende  Lebensgefährtin  There-sia  Lange.   Schon   der  Zossener  Bahnhof  weckte  beim   Vorbeifahren Erinnerungen.  Dann ging es gemeinsam los.  "Ja, das muss der  Eingang gewesen sein.  Manches erkenne ich wieder",  sprach er und seine Augen suchten weiter die Gegend ab.  Vieles hatte sich verändert, Bäume waren gewachsen,  vor  allem  aber  hatten  die  Russen umfangreiche Umbauar-beiten vorgenommen. "Hier saßen die Rotkehlchen drin", scherzte Münch-ow  als  er  die  Tür  zum  Eingang  öffnete.  "Das waren Wachsoldaten mit einem roten Band an der Mütze, deshalb Rotkehlchen", erklärte er.


Abstieg in die Erinnerung      von REINHARD BUTZEK

Der einstige Nachrichtensoldat Erich Münchow betrat noch einmal den Zeppelin-Bunker in Wünsdorf  

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"So haben wir damals gearbeitet", erklärt Erich Münchow und zeigt auf alte Fotografien. Er stieg nach mehr als 60 Jahren wieder in die Wünsdorfer Bunkerwelt hinab.            FOTO: REINHARD BUTZEK

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Und dann ging es hinab. "Heute sind hier nur noch zehn Grad Celsius", warnte Borchert. "Wir hatten damals 20 Grad Wärme", entgegnete Münchow.  Dann  wies  er  an  Decke  und  Wand:  "Hier  liefen einst die Kabel lang".  Laut hallten seine Schritte im kahlen Tunnelschacht. Hans-Albert  Hoffmann  erklärte  und erläuterte immer wieder,  verwies auf verengte Gänge,  die Münchow noch anders kannte,  bevor die sowjetische Befehlszentrale in den selben Gemäuern untergebracht wurde.  Und dann blieb er unwillkürlich stehen: "Ja, hier haben wir ge-sessen, links die Telefonisten, rechts die Fernschreiber."

Alte Bilder stiegen in dem 82-Jährigen auf als er die nackten Wände betrachtete. Er drehte sich langsam im Kreis, murmelte:  "Ja, so war das damals". Erich Münchow war heimgekommen. An den Ort, wo er gut zweieinhalb Jahre tätig war, erst als Zivilbeschäftigter, später als Nachrichtensoldat.  "Ich  hatte  Telegraphenbau  bei  der  Post  gelernt.  Telegraph  mit  Ph",  erläuterte er.  "Damals war die Berufsgruppe gefragt -  und  diese  Spezialisierung  hat  mir  das  Leben  gerettet, der Beruf hat mir Glück gebracht. Ich habe dreifach Schwein gehabt", gestand er.

Bis 1943 saß er im Zeppelin Bunker am Fernschreiber,  bis im Sommer die Männer durch  Frauen ausgetauscht und an die  Front verlegt wurden.  Doch  er  hatte  wieder Glück,  saß im Nachrichtenbataillon.  "Und wenn es brenzlig wurde,  ja dann zog unsere Truppe stets weg: Ohne diese Fachkenntnisse wäre ich vielleicht in Stalingrad gelandet.  Das war ja das Schlimmste",  erzählt er.  Unverwandt schaut er auf eine Nische im Gang:  "Hier war doch eine Tür?"  "Die wurde von den Russen zugemauert", half Hoffmann weiter. Dann tauchte die Frage auf,  wo  denn  eigentlich  der  Fahrstuhl  war.  Unterschiedliche Auffassungen.  "Da müssen wir uns nachher noch mal unterhalten",  so der Militärhistoriker.  Er  hatte  ohnehin  vor,  so viel wie möglich von dem seltenen Gast zu erfahren.  "Zeitzeugen der  Bunkeranlagen aus den Jahren 1940 bis 1943 konnte ich bislang noch nicht sprechen. Nur die Telefonistinnen, die damals die Männer ablösten", ergänzte er. "Ja, so war das damals", sprach Münchow für sich. Nach gut zwei Stunden unter Tage stieg er auf.  Die Begleiter und das TV-Team hatten ihn beim  Rundgang  kaum  zur  Ruhe kommen lassen. Am Nachmittag wollte  er noch einmal einsteigen,  vor allem Militärhistoriker Hoffmann erklären, wie einiges angeordnet und organisiert war. Nach außen hin machte er einen ruhigen Eindruck, aber innerlich hatte ihn der erste kurze  Gang  in  die  Bunkeranlagen  aufgewühlt.  Die  Unbekümmertheit,  ja  Fröhlichkeit  der  ersten  Minuten  waren  verschwunden. "Die Erinnerungen  kommen  wieder  hoch,  ich  bin  wie zurückversetzt.  Gut, dass diese Zeit vorbei ist." Nachdenklich geht er die Betonstraße lang.