Die Bunkerführungen
hat er alle schon mitgemacht, sagt Steffen Herzlieb. Jetzt war der
20-jährige Abiturient gekommen, um am Sonntagsvormit-tagsspaziergang
"Rund um Lenin" teilzunehmen. Steffen ist
Fan militär-historischer Bauten. Der junge Mann
mit Kamera und Notizheft hielt sich während der Wanderung
durch das großräumige Areal ab der Seite von Werner Leese.
Der frühere Bürgermeister und ehemaliger
Lehrer erwies sich als sach-kundiger Führer. Die Besucher
erlebten in drei Stunden rund 100 Jahre Militärgeschichte
in einem Gelände, das teilweise bis heute abgesperrt ist und nur bei
dieser Führung zugänglich.
Der Komplex der Heeressportschule,
später Haus der Offiziere der sowjetischen
Streitkräfte, erlangte nach 1945 besondere Bedeutung,
als die Kommandostellen der sowjetischen Streitkräfte
in Deutschland von "Karlowka" (Karlshorst) nach
"Wjunsdorf" zogen und in zeitweise bis zu 65 000
Soldaten und Angestellte um sich sammelten.
Das gesamte Gelände der "Verbotenen Stadt", die größte sowjetische Stadt in Deutschland, war von einer 18 Kilometer langen Mauer umgeben. Am 1. Mai 1977 erhielt diese "Stadt" einen Militärbahnhof, der Endpunkt der direkten Eisenbahnverbindung Wünsdorf-Moskau.
Als 1994 am 11. Juni mit großer Militärparade die Verabschiedung der russischen Streitkräfte stattfand, endete auch die 90-jährige Militärge-schichte Wünsdorfs. In den Monaten zuvor waren aus der Westgruppe der ehemaligen sowjetischen Streitkräfte 545 000 Personen, davon an-nähernd 170 000 Familienangehörige in ihre Heimat zurückgeführt worden. Noch in den letzten Wochen produzierte die Wünsdorfer Militär-bäckerei täglich bis zu 20 Tonnen der kastenförmigen Soldatenbrote. Zwei Tage vor der feierlichen Verabschiedung, so sagt eine Legende, spang der letzte Oberkommandierende General Burlakow ein letztes Mal ins Hallenschwimmbecken des Hauses der Offiziere, bevor der Bade-meister im wahrsten Sinne des Wortes den Stöpsel herauszog.
Seitdem steht der beeindruckende Gebäudekomplex - Architektur der zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts - leer und ist dem Verfall preis-gegeben. Der Theatersaal mit seinen 800 Plätzen darf wegen Einsturz-gefahr nicht einmal mehr betreten werden. Im Seitenflügel, der den Kindern der russischen Familien vorbehalten war, schimmeln die Wände. 3600 russische Schüler, so der statistische Durchschnitt, waren in diesem zirka 6000 Hektar großen Militärareal zu Hause. Im DDR - Wünsdorf besuchten 350 Schüler die Schule.
Wo
General Burlakow seine Bahnen schwamm
von Gutrun Ott
Historischer Spaziergang durch das Ex-Militärgelände Wünsdorf gestattet Einblicke in die "Verbotene Stadt"


Unter den Neugierigen am Sonntag war auch ein Bauleiter, der 1976 am Umbau des Theatersaales beteiligt war. Er war, wie die meisten der Besucher, betroffen von dem Verfall dieses architektonischen Kleinods. Der von Werner Leese geführte Spaziergang war ein Eil-marsch durch die in erster Linie deutsche Militärgeschichte, denn was 1994 endete, hatte ein knappes Jahrhundert zuvor mit einem Schießplatz und 1912 mit der "Militärturnanstalt" begonnen. Erinnert wurde daran, dass Wünsdorf schon nach dem ersten Weltkrieg den Beinamen "Russische Stadt" trug, weil nach dem Ende des Krieges ehemalige russische Kriegsgefangene aus Angst vor den Wirren der Oktoberrevolution ihre Familien nach Wünsdorf holten. Hier stand von 1914 bis 1924 die erste Moschee für kriegsgefangene Muslime des so genannten Halbmondlagers. Die deutsche Generalität machte den Versuch, die Männer umzudrehen und sie zum Beispiel im Kampf gegen England einzusetzen.
Der interessanteste Teil des Rundgangs war der Komplex der Heeressportschule, deren markante Veränderungen während der sowje-tischen Inanspruchnahme sich im Lenindenkmal vor dem Haus der Offiziere und dem Anbau des Dioramas, in dem die Schlacht um Berlin dargestellt war, präsentierten. Eine Kopie dieser Darstellung findet man an einer Bushaltestelle nahe des Kanzleramtes in Berlin.
Nur schwer haben sich die Besucher am Sonntag von der Faszination, die noch heute von der "Verbotenen Stadt" und ihrer Geschichte ausgeht, lösen können.

Werner Leese führte
durch die Wünsdorfer Militärgeschichte.
FOTO: GUDRUN OTT