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19.07.2005

Die Bücherstadt
im Spiegel  von:

Die  Bunkerführungen hat er alle schon mitgemacht, sagt Steffen Herzlieb. Jetzt  war  der  20-jährige  Abiturient  gekommen, um am Sonntagsvormit-tagsspaziergang  "Rund  um  Lenin"  teilzunehmen.  Steffen ist Fan militär-historischer  Bauten.  Der  junge  Mann mit Kamera und Notizheft hielt sich während  der  Wanderung  durch das großräumige Areal ab der Seite von Werner Leese.

Der  frühere  Bürgermeister  und  ehemaliger  Lehrer erwies sich als sach-kundiger  Führer.  Die  Besucher  erlebten  in drei Stunden rund 100 Jahre Militärgeschichte in einem Gelände, das teilweise bis heute abgesperrt ist und nur bei dieser Führung zugänglich.

Der   Komplex   der   Heeressportschule,   später  Haus  der  Offiziere  der sowjetischen  Streitkräfte,  erlangte  nach 1945 besondere Bedeutung, als die  Kommandostellen  der  sowjetischen  Streitkräfte  in  Deutschland von "Karlowka"  (Karlshorst)  nach  "Wjunsdorf"  zogen  und in zeitweise bis zu  65 000 Soldaten und Angestellte um sich sammelten.

Das  gesamte  Gelände  der  "Verbotenen Stadt",  die größte sowjetische Stadt in Deutschland, war von einer 18 Kilometer langen Mauer umgeben. Am  1. Mai  1977 erhielt diese "Stadt" einen Militärbahnhof,  der Endpunkt der direkten Eisenbahnverbindung Wünsdorf-Moskau.

Als  1994  am  11. Juni  mit  großer Militärparade die Verabschiedung der russischen  Streitkräfte  stattfand,  endete  auch  die  90-jährige  Militärge-schichte Wünsdorfs. In den Monaten zuvor waren aus der Westgruppe der ehemaligen   sowjetischen   Streitkräfte   545 000   Personen,   davon  an-nähernd   170 000   Familienangehörige   in   ihre   Heimat    zurückgeführt worden.  Noch  in  den  letzten Wochen produzierte die Wünsdorfer Militär-bäckerei  täglich  bis  zu  20  Tonnen  der  kastenförmigen  Soldatenbrote. Zwei  Tage  vor  der  feierlichen  Verabschiedung,  so  sagt eine Legende, spang  der  letzte Oberkommandierende General Burlakow ein letztes Mal ins  Hallenschwimmbecken  des  Hauses  der  Offiziere,  bevor  der Bade-meister im wahrsten Sinne des Wortes den Stöpsel herauszog.

Seitdem  steht  der  beeindruckende  Gebäudekomplex  -  Architektur  der zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts -  leer und ist dem Verfall preis-gegeben.  Der  Theatersaal  mit  seinen  800 Plätzen darf wegen Einsturz-gefahr   nicht   einmal   mehr   betreten  werden.  Im  Seitenflügel,  der  den Kindern der russischen Familien vorbehalten war,  schimmeln die Wände. 3600 russische Schüler, so der statistische Durchschnitt, waren in diesem zirka   6000  Hektar  großen  Militärareal  zu  Hause.   Im  DDR - Wünsdorf besuchten 350 Schüler die Schule.


Wo General Burlakow seine Bahnen schwamm      von Gutrun Ott

Historischer Spaziergang durch das Ex-Militärgelände Wünsdorf gestattet Einblicke in die "Verbotene Stadt"

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Unter den Neugierigen am Sonntag war auch ein Bauleiter, der 1976 am Umbau des Theatersaales beteiligt war. Er war, wie die meisten der  Besucher,  betroffen  von  dem  Verfall  dieses  architektonischen Kleinods. Der von Werner Leese geführte Spaziergang war ein Eil-marsch  durch  die  in  erster  Linie  deutsche  Militärgeschichte,  denn  was  1994  endete, hatte ein knappes Jahrhundert zuvor mit einem Schießplatz  und  1912  mit der "Militärturnanstalt" begonnen. Erinnert wurde daran, dass Wünsdorf schon nach dem ersten Weltkrieg den Beinamen "Russische Stadt" trug, weil nach dem Ende des Krieges ehemalige russische Kriegsgefangene aus Angst vor den Wirren der Oktoberrevolution  ihre  Familien  nach  Wünsdorf  holten.  Hier stand von 1914 bis 1924 die erste Moschee für kriegsgefangene Muslime des  so  genannten  Halbmondlagers.  Die  deutsche  Generalität  machte  den Versuch, die Männer umzudrehen und sie zum Beispiel im Kampf gegen England einzusetzen.

Der  interessanteste  Teil  des  Rundgangs war der Komplex der Heeressportschule, deren markante Veränderungen während der sowje-tischen  Inanspruchnahme  sich  im  Lenindenkmal  vor  dem  Haus  der  Offiziere  und dem Anbau des Dioramas, in dem die Schlacht um Berlin  dargestellt  war,  präsentierten.  Eine Kopie dieser Darstellung findet man an einer Bushaltestelle nahe des Kanzleramtes in Berlin.

Nur  schwer  haben  sich  die Besucher am Sonntag von der Faszination, die noch heute von der "Verbotenen Stadt" und ihrer Geschichte ausgeht, lösen können.

Die Heeressportschule, später Haus der Offiziere
FOTO:  GUDRUN OTT
 

Werner Leese führte durch die Wünsdorfer Militärgeschichte.
FOTO:  GUDRUN OTT