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16.10.2005
Die Bücherstadt
im Spiegel  von:

" Dawai  Towarischtschi " ,  ruft   Werner  Borchert  nach  dem Öffnen  des großen  Stahltores.  Artig  folgen  ihm  die  Besucher, obwohl sie sich nicht unbedingt vom Spruch "Los geht's, Genossen" angesprochen fühlen. Aber Borchert wählt als Geschäftsführer der Bücherstadt-Tourismusgesellschaft Wünsdorf  mit  der  Floskel  gleich  den richtigen Einstieg in die rund zwei-stündige Exkursion.

"Auf  den  Spuren der Russen" heißt das Thema, wobei der Experte sofort korrigiert.  Man  habe  für  die Geschichtstour nach einem griffigen Namen gesucht, wenn der auch nicht ganz exakt sei.  Denn zwischen dem Kriegs-ende 1945 und dem Abzug des letzten Soldaten aus dem riesigen Militär-areal südlich Berlins 1994 dienten natürlich nicht nur Russen in der Armee mit dem roten Stern an den Uniformmützen.  Die Wehrpflichtigen, Offiziere und ihre Familienangehörigen stammten aus allen Teilen der Sowjetunion. Erst  nach  deren  Zerfall  1991  übernahm  Russland die alleinige Führung der  Besatzungsarmee.  Insgesamt  rund  40000  Militärangehörige hielten sich  gleichzeitig  in  dem Areal beiderseits der zu DDR-Zeiten gesperrten Bundesstraße  96  auf. Hier saß das Oberkommando für die an 277 Orten zwischen Ostsee und Erzgebirge stationierten Truppen.

Über   elf   Jahre   sind  seit  der  Verabschiedung  des  letzten  russischen Soldaten  vergangen,  doch  noch  immer  steckt  das  einst  von  einer  17 Kilometer  langen  Betonmauer  umgebene Wünsdorf voller Geheimnisse. Erst   seit  k urzer  Zeit  können  einige  von  den S owjetsoldaten  gebaute riesige  Bunker  wieder  betreten  werden.   Deutsche  Ordnungsbehörden hatten  die  Eingänge  nach  dem  Auszug d er  Soldaten  zuschütten  oder verbarrikadieren lassen.

Tief  unter  der Erde, bei kühlen zehn Grad Celsius, stoßen die Teilnehmer der  Führung  erstmal  auf  ein  heilloses Durcheinander: Zwischen Kabeln, Rohren,   umgestürzten   Schränken  und  Tischen  liegen  Broschüren  und Notizheften  umher.  Die  "Prawda"  vom  9.  April  1993  berichtet auf ihrer Titelseite  vom  "Stellvertreter-Krieg  in  Jugoslawien".   Alte  Propaganda-tafeln verteufeln die USA als "Weltgendarm" und preisen den "Völkerbund in  der  Sowjetunion".  Technische  Apparaturen  und  Geräte fehlen in den Bunkern.   "Da   hat   die   Armee  nichts  zurückgelassen",  erklärt  Werner Borchert.  "Der  Aufbruch  muss  1994  teilweise  in großer Hektik passiert sein",  mutmaßt der Tourismuschef. "Manchmal blieb nicht mal Zeit für das Auseinanderschrauben  der  großen  Rechner  und Fernschreiber." Waren die  Türen  zu  schmal,  um  die  Geräte hindurchzuzwängen, habe man sie eben "mit brachialer Gewalt vergrößert."

Besenrein  ist  der  große  Rau,  von  dem  aus  der gesamte Luftraum der DDR  überwacht  wurde.  Auf  einer Projektionswand waren sämtliche ein- und  ausfliegenden  Maschinen  zu  sehen.  Hier  befanden  sich  auch  die roten  Knöpfe,  über  die im Ernstfall Jagdflugzeuge oder Raketen aktiviert werden  konnten.  Da  Leitstellen  in  dieser  Bauart auch noch in Russland und  anderen  früheren Ostblockstaaten existieren, unterlagen sie höchster Geheimhaltung.

Nicht  original  sind  die  Inschriften  russischer  Soldaten  auf einer grauen Bunkerwand.  Hier h aben  zwar Serjoscha, Wiktor oder Pjotr ihre Heimat-städte  und  ihre  noch  abzuleistende Dienstzeit verewigt, aber die Schrift-züge  hat  vor  einigen  Jahren  ein  Filmteam  nach  echten  Vorlagen  auf-bringen lassen.  Ein kritischer Spruch fällt besonders in Auge: "Ich wusste, dass  es  hier  schlecht  werden  würde.  Aber ich wusste nicht, dass es so schnell schlecht werden würde", heißt er in der Übersetzung ins Deutsche.

Tatsächlich war der Grundwehrdienst für sowjetische Soldaten in der DDR nicht einfach.  Jahrelang lebten die jungen Männer völlig  getrennt von ihrer Heimat,  von Angehörigen und Freunden. Urlaub gab es nur in Ausnahme-fällen,  der  Kontakt  zu den Einheimischen in der Umgebung wurde in aller Regel unterbunden.

Dass  die  Sowjetarmee  sich  möglichst  selbst  versorgte,  wird  nicht  nur aufgrund  der  zahlreichen  Obstbäume  auf  dem  Gelände  klar. Zwischen Bunkereingängen  und  Schützengräben  kann man gut getarnte Viehställe ntdecken.  Gut  versteckt  lagen  auch  besondere  Erholungsstätten für die Offiziere, Saunen inklusive.

Weitere Informationen unter 033702-9600 oder office@buecherstadt.com


Der Kummer von Serjoscha Bunkerführungen:           Von Claus-Dieter Steyer            
Was  man  in Wünsdorf unter Tage entdecken kann 

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Fotos: S. Metzner - Wünsdorf
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