
" Dawai Towarischtschi " , ruft Werner Borchert nach dem Öffnen des großen Stahltores. Artig folgen ihm die Besucher, obwohl sie sich nicht unbedingt vom Spruch "Los geht's, Genossen" angesprochen fühlen. Aber Borchert wählt als Geschäftsführer der Bücherstadt-Tourismusgesellschaft Wünsdorf mit der Floskel gleich den richtigen Einstieg in die rund zwei-stündige Exkursion.
"Auf den Spuren der Russen" heißt das Thema, wobei der Experte sofort korrigiert. Man habe für die Geschichtstour nach einem griffigen Namen gesucht, wenn der auch nicht ganz exakt sei. Denn zwischen dem Kriegs-ende 1945 und dem Abzug des letzten Soldaten aus dem riesigen Militär-areal südlich Berlins 1994 dienten natürlich nicht nur Russen in der Armee mit dem roten Stern an den Uniformmützen. Die Wehrpflichtigen, Offiziere und ihre Familienangehörigen stammten aus allen Teilen der Sowjetunion. Erst nach deren Zerfall 1991 übernahm Russland die alleinige Führung der Besatzungsarmee. Insgesamt rund 40000 Militärangehörige hielten sich gleichzeitig in dem Areal beiderseits der zu DDR-Zeiten gesperrten Bundesstraße 96 auf. Hier saß das Oberkommando für die an 277 Orten zwischen Ostsee und Erzgebirge stationierten Truppen.
Über elf Jahre sind seit der Verabschiedung des letzten russischen Soldaten vergangen, doch noch immer steckt das einst von einer 17 Kilometer langen Betonmauer umgebene Wünsdorf voller Geheimnisse. Erst seit k urzer Zeit können einige von den S owjetsoldaten gebaute riesige Bunker wieder betreten werden. Deutsche Ordnungsbehörden hatten die Eingänge nach dem Auszug d er Soldaten zuschütten oder verbarrikadieren lassen.
Tief unter der Erde, bei kühlen zehn Grad Celsius, stoßen die Teilnehmer der Führung erstmal auf ein heilloses Durcheinander: Zwischen Kabeln, Rohren, umgestürzten Schränken und Tischen liegen Broschüren und Notizheften umher. Die "Prawda" vom 9. April 1993 berichtet auf ihrer Titelseite vom "Stellvertreter-Krieg in Jugoslawien". Alte Propaganda-tafeln verteufeln die USA als "Weltgendarm" und preisen den "Völkerbund in der Sowjetunion". Technische Apparaturen und Geräte fehlen in den Bunkern. "Da hat die Armee nichts zurückgelassen", erklärt Werner Borchert. "Der Aufbruch muss 1994 teilweise in großer Hektik passiert sein", mutmaßt der Tourismuschef. "Manchmal blieb nicht mal Zeit für das Auseinanderschrauben der großen Rechner und Fernschreiber." Waren die Türen zu schmal, um die Geräte hindurchzuzwängen, habe man sie eben "mit brachialer Gewalt vergrößert."
Besenrein ist der große Rau, von dem aus der gesamte Luftraum der DDR überwacht wurde. Auf einer Projektionswand waren sämtliche ein- und ausfliegenden Maschinen zu sehen. Hier befanden sich auch die roten Knöpfe, über die im Ernstfall Jagdflugzeuge oder Raketen aktiviert werden konnten. Da Leitstellen in dieser Bauart auch noch in Russland und anderen früheren Ostblockstaaten existieren, unterlagen sie höchster Geheimhaltung.
Nicht original sind die Inschriften russischer Soldaten auf einer grauen Bunkerwand. Hier h aben zwar Serjoscha, Wiktor oder Pjotr ihre Heimat-städte und ihre noch abzuleistende Dienstzeit verewigt, aber die Schrift-züge hat vor einigen Jahren ein Filmteam nach echten Vorlagen auf-bringen lassen. Ein kritischer Spruch fällt besonders in Auge: "Ich wusste, dass es hier schlecht werden würde. Aber ich wusste nicht, dass es so schnell schlecht werden würde", heißt er in der Übersetzung ins Deutsche.
Tatsächlich war der Grundwehrdienst für sowjetische Soldaten in der DDR nicht einfach. Jahrelang lebten die jungen Männer völlig getrennt von ihrer Heimat, von Angehörigen und Freunden. Urlaub gab es nur in Ausnahme-fällen, der Kontakt zu den Einheimischen in der Umgebung wurde in aller Regel unterbunden.
Dass die Sowjetarmee sich möglichst selbst versorgte, wird nicht nur aufgrund der zahlreichen Obstbäume auf dem Gelände klar. Zwischen Bunkereingängen und Schützengräben kann man gut getarnte Viehställe ntdecken. Gut versteckt lagen auch besondere Erholungsstätten für die Offiziere, Saunen inklusive.
Weitere Informationen unter 033702-9600 oder office@buecherstadt.com
Der
Kummer von Serjoscha Bunkerführungen: Von
Claus-Dieter Steyer
Was
man in Wünsdorf unter Tage entdecken kann



