Die Reihe "Militärgeschichtliche Abende 2005/2006 in der Bücherstadt Wünsdorf" be-gann gewissermaßen mit einem Paukenschlag der Militärkapelle. Die Bücherstadt hatte zum Gespräch über "Militärische Eliten Deutschlands" eingeladen. Wieder einmal zeigte sich das gute Gespür des Veranstalters für Themen, die gewissermaßen in der Luft liegen.
50 Jahre Bundeswehr 2005, 50 Jahre Nationale Volksarmee im nächsten Jahr, da liegt es nahe, auch über Anspruch und Wirken der Offiziere und Generäle der militärischen Eliten der jüngeren deutschen Armeen zu diskutieren, im weiten Griff zurück in die Ge-schichte bis 1918. Der Idee verpflichtet, dass die Armee des Staates DDR eine Armee des Volkes sei, also eine Armee Gleicher mit gleichen Interessen, sprach man in der DDR von "Persönlichkeiten, die Kollektive führten", waren Begriffe wie "Führungs-kader", oder "Leitungskader" in Gebrauch. Der Begriff "Elite" war verpönt. Ehrlichen Herzens wollte man sich auch vom Elitegedanken, wie er in der Deutschen Wehrmacht, in den militärischen Hierarchien, des Dritten Reiches Praxis war, absetzen.
Natürlich ist die Vision von einer Armee des Volkes, die vom gleichen Geist beseelt, nahezu einheitlich denkt und immer einheitlich handelt, ein Bild das - vor allem rück-blickend - zu Herzen geht, aber es war eben auch Teil der Propaganda. Letzten Endes gilt in allen Armeen der Schlüsselsatz: "Alles hört auf mein Kommando!" Das Vorhan-densein einer tonangebenden Elite ist eine der Grundvoraussetzungen dafür, dass Militär überhaupt funktioniert. Dass in der Befehlspyramide nicht gerade Idioten nach oben gespült werden, liegt in der Natur der Sache. Denn, trainiert wird für das Bestehen in einer möglichen Auseinandersetzung, im ernsten Falle geht es um das Leben der Eigenen und um das Leben des Gegners. "Und", so der Referent im Gutenberghaus, Klaus Froh, "es waren oft nicht die ganz Hohen, sondern mehr die Offiziere der zweiten Reihe, die den Geist der Einheiten prägten."
Zwischen
Stolz und stillem Zorn
von Gutrun Ott
Diskussion über deutsche Militäreliten


Schnell war man sich am Abend einig, dass Militärpolitik stets Teil der Staatspolitik ist und die militärische Elite, ob der einzelne es mag oder nicht, zu den staatstragenden Säulen gehört. Dass die Bundeswehr keinen der Generäle der NVA übernahm (eine Ausnahme war einhochrangiger Militärmediziner) liegt also in der Natur der Sache. Vor 1989 sollten sie - bei politischem Bedarf - einander ans Leder, die Generäle diesseits und jenseits der Elbe, warum sollten sie sich nun "umarmen"?
In diesem Punkt 'verlief die Diskussion ein wenig blauäugig. "Was hätten wir denn mit den Generälen der Bundeswehr, dem uniformierten Klassenfeind gemacht, hätten wir gesiegt?" - eine gute Frage. Verständlich auch an diesem Abend der Wunsch der, DDR-Militärs, sich vom ehemaligen Gegner in der Aufarbeitungsphase nach 1990 achtungsvoller und mit mehr Fairness behandelt zu sehen. Zumal das Zusammenführen von Militäreinheiten West mit Militäreinheiten Ost als loderndes Beispiel des Zusammenkommens der Deutschen gefeiert wird.
"Denn immerhin waren wir, die Soldaten der NVA, nie in Kriegshandlungen verwickelt, während dessen sich die Bundeswehr am Angriff auf Jugoslawien beteiligte", so einer der älteren Teilnehmer am Rande der Gesprächsrunde. Auch auf den verantwortungsvollen Umgang der DDR-Militärelite mit ihrer durchaus vorhanden Macht im Herbst 1989 wurde hingewiesen. Über die Geschichte der NVA nachzuden-ken, wird es im nächsten Jahr viel Gelegenheit geben. Militärgeschichte ist auch Geschichte von unten", sie reicht mit ihren praktischen Folgen tief in die Familien hinein, nicht nur in die der Eliten, denn fast alle Männer im Osten waren auf irgendeine Weise in ihrem Leben Militär.
Klaus Froh studierte Mil-geschichte
und Philisophie
FOTO: GUDRUN OTT