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02.02.2006

Die Bücherstadt
im Spiegel  von:

Für  Toni,  Oliver  und  Ricco  ist  es  ein  spannender  Ferientag.   Die  13-jährigen   Schüler  sind  mit  ihren  Eltern  aus  dem  benachbarten  Zossen herüber   in   die  Waldstadt  nach  Wünsdorf  gekommen,  weil  sie  schon immer   mal  in  die  unterirdische  Bunkerwelt  der  einstmals  "verbotenen Stadt"  hinabsteigen  wollten  und  dies nun während der Ferientage sogar gratis  tun  können. "Ganz  schön  gewaltig Ede",  murmelt Oliver, da er mit seinen  Freunden  am  Beginn  des  Nordstollens  steht und mit dem Strahl der Akkulampe den über 200 Meter langen Gang zu einem einst getarnten Eingang halbwegs aus der Dunkelheit herausschält.

Steffen  Metzner,   einer   der   sachkundigen   Führer  in  der  Bücher-  und Bunkerstadt Wünsdorf, gibt sich alle Mühe, insbesondere den Kindern und Jugendlichen  einen  sowohl  informativen  als  auch  spektakulären  Rund-gang  zu  gestalten.  Denn  alle  Mädchen  und  Jungen bis 14 Jahre, die in Begleitung  ihrer  Eltern  oder  Großeltern  noch heute oder morgen zu den anlässlich    der   Winterferien   zusätzlich   ins   Programm   genommenen Familienführungen  kommen  (Beginn jeweils 11 und 14 Uhr), haben freien Eintritt.  "Wir haben es in Wünsdorf insgesamt mit einer über 100-jährigen Militärgeschichte  zu  tun,  unsere  Führung  konzentriert  sich  aber auf die Bunker   Maybach I   und   Zeppelin,   die   zwischen   1937  und  1939  als Generalstabs-    und    Nachrichtenbunker    für    das   Deutsche   Heer   in Vorbereitung  auf  den  2. Weltkrieg entstanden", erklärt Metzner. Als einer von  vier  festen  Mitarbeitern  der   Bücherstadt  Tourismus  GmbH  will  er mit  Partnern wie Historikern und Zeitzeugen so viel wie möglich an beleg-baren  Fakten  zusammentragen  und weitergeben, ohne dabei den Ort zu verklären.  "Bei  aller Faszination, die von dieser Anlage ausgeht, müssen wir  uns  immer  vor  Augen halten, für welchen Zweck sie errichtet wurde!"

Der  Rundgang  durch den der Bücherstadt Tourismus GmbH gehörenden Bunkerpark führt zunächst zur gesprengten Siedlung Maybach I. Auf einem später  von  den  Sowjets  angelegten  Postenweg,  der zu einem Überwa-chungsturm   führte,   von  dem  aus  die  16.  Luftarmee  der  Sowjets  den gesamten Luftraum der einstigen DDR kontrollierte, geht es über der Erde vorbei  an  zahlreichen  Ruinen,  in  denen  sich seit 1939 die Dienststellen des Oberkommandos des Deutschen Heeres befanden .  Oberirdisch sah dieser  Bunkerkomplex  wie eine märkische Wohnsiedlung aus - ein gutes Dutzend   spitzgiebeliger,   mit   Terrassen,   Balkons   und   Blumenkästen verzierte  Häuser  im  Wald,  deren  Wände  und  Decken aber massivster Stahlbeton    waren.   Die   Bunker   setzten   sich   nach   unten  über  zwei Etagen  in  die  Erde  hinein  fort,  waren  dort mit einem 590 Meter langen Ringstollen  miteinander  verbunden.  "Während  diese  Gebäude entspre-chend  des  Potsdamer  Abkommens komplett gesprengt wurden und ihre Reste heute nur noch bei Spezialführungen besichtigt werden können",  so erklärt  Steffen  Metzner, "ist der Nachrichtenbunker Zeppelin baulich noch sehr  gut erhalten und daher gut begehbar. Da wurden zunächst nach dem Krieg  nur  die  Eingänge  zugesprengt.  Ab  den  60er  Jahren  haben  die Sowjets dann selbst im Kern des Bunkers ihre Nachrichtenzentrale für das Oberkommando  der  sowjetischen  Streitkräfte  in Deutschland eingerich-tet."

Die  drei  Etagen  dieses riesigen L-förmigen Komplexes liegen bis zu 21 Meter  unter  der  Erde,  wobei sie von einer drei Meter dicken Stahlbeton-decke,  einer  darüber  liegenden  Sand-  und  Kiesschicht,  einer weiteren Betonschicht  sowie  einer  nochmaligen  drei bis fünf Meter tiefen Erdauf-schüttung   geschützt   waren   und  noch  sind.  Der  Zeppelin- Bunker  war durch  einen mehr als 300 Meter langen Stollen mit der Maybach-Siedlung verbunden.  In  150  Räumen  mit  einer  Fläche  von rund 15 000 Quadrat-metern arbeiteten ca. 300 Leute im Drei-Schicht-System.

Metzner   führt   seine   Gäste   durch   die   nachträglich  von  den  Sowjets eingebaute  atomsichere  Schleuse  zum  Treppenhaus. Beim Gang durch die  Etagen,  Flure  und  Räume  kann  er  von  der  deutschen Ausstattung lediglich  noch  die  hinter einer aufgebrochenen Mauer gefundenen Reste der  riesigen  Rohrpostanlage,  die  bis  zu  den Hunderte Meter entfernten Gebäuden  von  Maybach I und II führte, präsentieren. Dafür ist umso mehr an  russischem  Interieur  zu begutachten - seien es eine Schaltstation aus den    60er    Jahren,   abenteuerliche   Vorrichtungen   zur   Belüftung   der unterirdischen   Räume,  deprimierte  Wand-Inschriften  aus  der  Zeit  des Abzugs  Anfang  der  Neunziger  Jahre - "Ich wusste, dass alles schlechter werden  würde,  aber  nicht,  dass  es so schnell kommt" - oder die kleinen Dinge    des    Alltags    wie    Rasenmäher    mit   Waschmaschinenmotor, Fernseher,  Telefon.  Metzner  leuchtet  in  dunkle Räume hinein, macht auf Verwerfungen  in  den  Wänden  und  Trichter in den Decken aufmerksam, die   von   vergeblichen   Sprengversuchen   nach  dem  Krieg  künden.  Er verweist   auf   geschlossene   Türen,   hinter   denen   sich  ein  noch  nicht begehbarer  weiterer Stollen zum nächsten über hunderte Meter entfernten Eingang  verbirgt.  Und  er  bedauert,  dass  er  allen  Gerüchten zum Trotz nicht  mit  einer  Verbindung  bis  in die Mitte Berlins oder wenigstens zum Bahnhof   von   Zossen  dienen  kann.   "Solche  Behauptungen  sind  alles Kokolorus", sagt er und fährt fort: "Wir würden ja auch gern das Bernstein-zimmer finden.  Aber wir müssen bei den Fakten bleiben und das sachlich aufarbeiten, was die Spuren und vor allem die Zeitzeugen hergeben."

 


In der verbotenen Stadt                                                                          von TORSTEN MÜLLER
Ferienführungen durch die Bunkerwelt:
Es ist wichtig, immer bei den Fakten der Geschichte zu bleiben

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Fotos: S.
Metzner
Wünsdorf

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Touristengruppe vor dem Bunkerhaus A2 von Maybach I
Ehemaliges russisches Postenhaus am Eingang zum Bunkerpark
Ferienkinder bei einer Bunkerführung im Nachichtenbunker Zeppelin