
Für Toni, Oliver und Ricco ist es ein spannender Ferientag. Die 13-jährigen Schüler sind mit ihren Eltern aus dem benachbarten Zossen herüber in die Waldstadt nach Wünsdorf gekommen, weil sie schon immer mal in die unterirdische Bunkerwelt der einstmals "verbotenen Stadt" hinabsteigen wollten und dies nun während der Ferientage sogar gratis tun können. "Ganz schön gewaltig Ede", murmelt Oliver, da er mit seinen Freunden am Beginn des Nordstollens steht und mit dem Strahl der Akkulampe den über 200 Meter langen Gang zu einem einst getarnten Eingang halbwegs aus der Dunkelheit herausschält.
Steffen Metzner, einer der sachkundigen Führer in der Bücher- und Bunkerstadt Wünsdorf, gibt sich alle Mühe, insbesondere den Kindern und Jugendlichen einen sowohl informativen als auch spektakulären Rund-gang zu gestalten. Denn alle Mädchen und Jungen bis 14 Jahre, die in Begleitung ihrer Eltern oder Großeltern noch heute oder morgen zu den anlässlich der Winterferien zusätzlich ins Programm genommenen Familienführungen kommen (Beginn jeweils 11 und 14 Uhr), haben freien Eintritt. "Wir haben es in Wünsdorf insgesamt mit einer über 100-jährigen Militärgeschichte zu tun, unsere Führung konzentriert sich aber auf die Bunker Maybach I und Zeppelin, die zwischen 1937 und 1939 als Generalstabs- und Nachrichtenbunker für das Deutsche Heer in Vorbereitung auf den 2. Weltkrieg entstanden", erklärt Metzner. Als einer von vier festen Mitarbeitern der Bücherstadt Tourismus GmbH will er mit Partnern wie Historikern und Zeitzeugen so viel wie möglich an beleg-baren Fakten zusammentragen und weitergeben, ohne dabei den Ort zu verklären. "Bei aller Faszination, die von dieser Anlage ausgeht, müssen wir uns immer vor Augen halten, für welchen Zweck sie errichtet wurde!"
Der Rundgang durch den der Bücherstadt Tourismus GmbH gehörenden Bunkerpark führt zunächst zur gesprengten Siedlung Maybach I. Auf einem später von den Sowjets angelegten Postenweg, der zu einem Überwa-chungsturm führte, von dem aus die 16. Luftarmee der Sowjets den gesamten Luftraum der einstigen DDR kontrollierte, geht es über der Erde vorbei an zahlreichen Ruinen, in denen sich seit 1939 die Dienststellen des Oberkommandos des Deutschen Heeres befanden . Oberirdisch sah dieser Bunkerkomplex wie eine märkische Wohnsiedlung aus - ein gutes Dutzend spitzgiebeliger, mit Terrassen, Balkons und Blumenkästen verzierte Häuser im Wald, deren Wände und Decken aber massivster Stahlbeton waren. Die Bunker setzten sich nach unten über zwei Etagen in die Erde hinein fort, waren dort mit einem 590 Meter langen Ringstollen miteinander verbunden. "Während diese Gebäude entspre-chend des Potsdamer Abkommens komplett gesprengt wurden und ihre Reste heute nur noch bei Spezialführungen besichtigt werden können", so erklärt Steffen Metzner, "ist der Nachrichtenbunker Zeppelin baulich noch sehr gut erhalten und daher gut begehbar. Da wurden zunächst nach dem Krieg nur die Eingänge zugesprengt. Ab den 60er Jahren haben die Sowjets dann selbst im Kern des Bunkers ihre Nachrichtenzentrale für das Oberkommando der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland eingerich-tet."
Die drei
Etagen dieses riesigen L-förmigen Komplexes liegen bis zu
21 Meter unter der Erde, wobei sie von einer drei
Meter dicken Stahlbeton-decke, einer darüber liegenden
Sand- und Kiesschicht, einer weiteren Betonschicht
sowie einer nochmaligen drei bis fünf Meter tiefen
Erdauf-schüttung geschützt waren und
noch sind. Der Zeppelin- Bunker war durch
einen mehr als 300 Meter langen Stollen mit der Maybach-Siedlung verbunden.
In 150 Räumen mit einer Fläche von
rund 15 000 Quadrat-metern arbeiteten ca. 300 Leute im Drei-Schicht-System.
Metzner führt seine Gäste durch
die nachträglich von den Sowjets
eingebaute atomsichere Schleuse zum Treppenhaus. Beim
Gang durch die Etagen, Flure und Räume kann
er von der deutschen Ausstattung lediglich noch
die hinter einer aufgebrochenen Mauer gefundenen Reste der riesigen
Rohrpostanlage, die bis zu den Hunderte Meter entfernten
Gebäuden von Maybach I und II führte, präsentieren.
Dafür ist umso mehr an russischem Interieur zu begutachten
- seien es eine Schaltstation aus den 60er
Jahren, abenteuerliche Vorrichtungen zur
Belüftung der unterirdischen Räume,
deprimierte Wand-Inschriften aus der Zeit des
Abzugs Anfang der Neunziger Jahre - "Ich wusste,
dass alles schlechter werden würde, aber nicht,
dass es so schnell kommt" - oder die kleinen Dinge
des Alltags wie Rasenmäher
mit Waschmaschinenmotor, Fernseher, Telefon.
Metzner leuchtet in dunkle Räume hinein, macht
auf Verwerfungen in den Wänden und Trichter
in den Decken aufmerksam, die von vergeblichen Sprengversuchen
nach dem Krieg künden. Er verweist
auf geschlossene Türen, hinter denen
sich ein noch nicht begehbarer weiterer
Stollen zum nächsten über hunderte Meter entfernten Eingang verbirgt.
Und er bedauert, dass er allen Gerüchten
zum Trotz nicht mit einer Verbindung bis in
die Mitte Berlins oder wenigstens zum Bahnhof von Zossen
dienen kann. "Solche Behauptungen sind
alles Kokolorus", sagt er und fährt fort: "Wir würden
ja auch gern das Bernstein-zimmer finden. Aber wir müssen bei den
Fakten bleiben und das sachlich aufarbeiten, was die Spuren und vor allem
die Zeitzeugen hergeben."
In
der verbotenen Stadt von
TORSTEN MÜLLER
Ferienführungen
durch die Bunkerwelt:
Es ist wichtig, immer bei den Fakten der Geschichte zu bleiben

Fotos:
S.
Metzner
Wünsdorf




