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16.09.2006

Die Bücherstadt
im Spiegel  von:
Mit der Geschichte wird man nie fertig. Irgendetwas kommt ja doch wieder hoch. Aus dem märkischen Sand, aus den Tiefen verstaubter Regale des Bundesarchivs in Koblenz oder aus privaten Fotoalben. Zu intensiv ist der Truppenübungsplatz in Wünsdorf zwischen 1910 und 1945 umgepflügt worden, um schon zur Ruhe zu kommen. "Da ist ja an manchen Stellen kaum Sand zwischen den Patronenhülsen", witzelt Detlev Steinberg. Seit nunmehr fünf Jahren gestaltet er gemeinsam mit dem Vorsitzenden des Fördervereins Dieter Kießlich die Ausstellung Garnisonsmuseum in Wünsdorf. Die großen Pflöcke der Geschichte sind längst eingeschlagen. Das Halbmondlager mit der berühmten Moschee, die Bunkeranlagen Maybach, der Panzerübungsplatz.

Zum heutigen Jubiliäum können die beiden stolz darauf verweisen, dass auch die Zwischenräume inzwischen besser vermessen sind. Mit 22 fast druckfrischen Tafeln entwerfen sie ein plastisches Bild vom Alltag der Soldaten, der Gefangenen und Schaulustigen auf dem Gelände. Auf den 550 Postkarten im Museumsfundus entdecken Kießlich und Steinberg immer neue Geschichten und Zusammenhänge.

Anders als bisher vermutet, war der kaiserliche Truppenübungsplatz kein wohlgehütetes Staatsgeheimnis. Die Fotografie war 1910 noch jung und Aufnahmen ein Ereignis. Findige Spezialisten aus Berlin und Zossen machten in Wünsdorf schnell gute Geschäfte mit Soldaten, die sich frech in Positur brachten: "Villa Saustall. Erholungsheim Zossen" kritzelte eine Truppe auf kleine Schiefertafeln. Die Bierflasche in der Linken, das Gewehr lässig in der Rechten - die niederen Dienstgrade gaben sich locker.

Der Erste Weltkrieg brachte den Fotografen zusätzliche Einnahmen, fanden Kießlich und Steinberg. Sie entschlüsselten anhand der Lebenserinnerungen Max von Ribbecks, Zossener Amtsvorsteher zwischen 1905 bis 1945, eine zeitgenössische Aufnahme: Hinter Stacheldraht kauern Gefangene, sie hausen in Erdhöhlen oder Zelten. Auf der anderen Seite des Zaunes gaffen die Berliner. Dunkelhäutige Mohammedaner, wie sie damals genannt wurden, waren eine Attraktion für die Hauptstädter. Demnach eine exquisite Einnahmequelle für Fotografen. Privater wurden die Aufnahmen erst während des Zweiten Weltkrieges, nach Erfindung der Handkamera.

Neues entdeckten die Ausstellungsmacher in der Zwischenkriegszeit. Freikorps nutzten den Truppenübungsplatz, der international blieb. Zur Moschee gesellte sich 1920/21 eine russisch-orthodoxe Kirche, wie jüngste Dokumente aus dem Bundesarchiv belegen. Noch rätseln die beiden Männer, ob es sich um Kriegsgefangene aus dem Baltikum handelt oder um flüchtige Offiziere, die in Wünsdorf untergebracht waren. In jedem Fall wird damit nun auch die Rote Armee ihren Platz im Garnisonsmuseum erhalten.

Von wegen geheim                          von Robert Rudolf

Fünf Jahre Garnisonsmuseum Wünsdorf: Soldatenalltag auf neuen Tafeln

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Der kaiserliche Truppenübungsplatz als offenes Buch: Ausstellungs-macher Dieter Kießlich und Detlev Steinberg haben für die 22 neuen Tafeln und die Broschüren lange geforscht.                 
FOTO: ROBERT RUDOLF

Langfristig hoffen die ehrenamtlichen Historiker auf einen ausgebildeten Museologen, der ihre Forschungs- und Ausstellungsarbeit einmal fortsetzen wird. Nur rund die Hälfte aller Dokumente und Zeugnisse zur Militärgeschichte Wünsdorfs bis 1945 seien im Museum zu finden, sagen sie.

Bis es soweit ist, werden sie allerdings weiter in Briefen, Tagebüchern, Postkarten und Fotografien nach den verschollenen Geschichten im märkischen Sand forschen.