Zum heutigen Jubiliäum können die beiden stolz darauf verweisen, dass auch die Zwischenräume inzwischen besser vermessen sind. Mit 22 fast druckfrischen Tafeln entwerfen sie ein plastisches Bild vom Alltag der Soldaten, der Gefangenen und Schaulustigen auf dem Gelände. Auf den 550 Postkarten im Museumsfundus entdecken Kießlich und Steinberg immer neue Geschichten und Zusammenhänge.
Anders
als bisher vermutet, war der kaiserliche Truppenübungsplatz kein wohlgehütetes
Staatsgeheimnis. Die Fotografie war 1910 noch jung und Aufnahmen ein Ereignis.
Findige Spezialisten aus Berlin und Zossen machten in Wünsdorf schnell
gute Geschäfte mit Soldaten, die sich frech in Positur brachten: "Villa
Saustall. Erholungsheim Zossen" kritzelte eine Truppe auf kleine Schiefertafeln.
Die Bierflasche in der Linken, das Gewehr lässig in der Rechten - die
niederen Dienstgrade gaben sich locker.
Der Erste Weltkrieg brachte den Fotografen zusätzliche Einnahmen, fanden
Kießlich und Steinberg. Sie entschlüsselten anhand der Lebenserinnerungen
Max von Ribbecks, Zossener Amtsvorsteher zwischen 1905 bis 1945, eine zeitgenössische
Aufnahme: Hinter Stacheldraht kauern Gefangene, sie hausen in Erdhöhlen
oder Zelten. Auf der anderen Seite des Zaunes gaffen die Berliner. Dunkelhäutige
Mohammedaner, wie sie damals genannt wurden, waren eine Attraktion für
die Hauptstädter. Demnach eine exquisite Einnahmequelle für Fotografen.
Privater wurden die Aufnahmen erst während des Zweiten Weltkrieges, nach
Erfindung der Handkamera.
Neues entdeckten die Ausstellungsmacher in der Zwischenkriegszeit. Freikorps nutzten den Truppenübungsplatz, der international blieb. Zur Moschee gesellte sich 1920/21 eine russisch-orthodoxe Kirche, wie jüngste Dokumente aus dem Bundesarchiv belegen. Noch rätseln die beiden Männer, ob es sich um Kriegsgefangene aus dem Baltikum handelt oder um flüchtige Offiziere, die in Wünsdorf untergebracht waren. In jedem Fall wird damit nun auch die Rote Armee ihren Platz im Garnisonsmuseum erhalten.
Von wegen geheim von Robert Rudolf
Fünf Jahre Garnisonsmuseum Wünsdorf: Soldatenalltag auf neuen Tafeln


Der kaiserliche Truppenübungsplatz
als offenes Buch: Ausstellungs-macher Dieter Kießlich und Detlev Steinberg
haben für die 22 neuen Tafeln und die Broschüren lange geforscht.
FOTO: ROBERT RUDOLF
Langfristig hoffen die ehrenamtlichen Historiker auf einen ausgebildeten Museologen, der ihre Forschungs- und Ausstellungsarbeit einmal fortsetzen wird. Nur rund die Hälfte aller Dokumente und Zeugnisse zur Militärgeschichte Wünsdorfs bis 1945 seien im Museum zu finden, sagen sie.
Bis es soweit ist, werden sie allerdings weiter in Briefen, Tagebüchern, Postkarten und Fotografien nach den verschollenen Geschichten im märkischen Sand forschen.